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15.06.2001
Bentley-Boys in ihren "rasenden Traktoren"


Frank Clement, W.O. Bentley, John Duff in front oft the Bentley 3-liter, winner 1924 (Foto: Bentley Media)


Bentley EXP Nr. 2 (Foto: Bentley Media)


Team Bentley 2001 (Foto: Bentley Media)


Bentley Le Mans 2001-Team (Foto: Bentley Media)


Bentley EXP Speed 8s (Foto: Bentley Media)


1927, (L/R) F. Clement, C. Gallop, D. Benjafield, S. Davis (Foto: Klaus-Josef Rossfeldt)


1929, Irish GP, (L/R) J. Dunfee, W. Barnato Wally Hassan (Foto: Klaus-Josef Rossfeldt)


1930 Brooklands BRDC500 JD. Benjafield, ER. Hall (Foto: Klaus-Josef Rossfeldt)


Le Mans 1930, G. Kidston, W. Barnato, JD. Benjafield (Foto: Klaus-Josef Rossfeldt)

Text: Karin Reichl

Bentley Motors startet wieder bei Le Mans. Wie vor 70 Jahren heißt das Team Bentley Boys und erinnert an die wagemutigen Fahrer von damals wie Birkin, Barnato und Duff. Doch die wahren Träger der Tradition fahren Vorkriegsmodelle – schnell.
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Jochen Maas weiß nicht was er tut, als er während der Mille Miglia John auf die Schulter schlägt und sagt: „Hey, what´s wrong? You are driving like a Gentleman“. Solche Sätze kann ein Bentley Boy nicht auf sich sitzen lassen. Der Ex Speedboot-Racer und Teppichmillionär zeigt bei der nächsten Rechtskurve, dass ein Blower Bentley einen Kompressor Mercedes noch immer überholen kann: an der Innenseite, durch einen Vorgarten – mit 120 km/h. Die nachfolgenden Bentley-Driver kommentieren die Off-road-Einlage später mit einem schlichten „well done“. John lächelt nur. Emotionen zeigen gilt nicht. Angst haben schon gar nicht. Dagegen steht die Tradition.

John ist ein Bentley Boy, er selbst würde sich nie so bezeichnen, aber er tut all das, was früher Tom Birkin, Woolf Barnato, Dudley Benjafield oder Bernhard Rubin berühmt gemacht hat: rasend schnell Bentley fahren, Spaß haben und sich nicht allzu sehr um Regeln kümmern.

Die ursprünglichen Bentley Boys begründeten ihr Image bei den ersten Rennen in Le Mans. Da verpassten sie den Autos von W.O. Bentley den Ruf, die schnellsten Lastwagen aller Zeiten zu sein und sich selbst den Ruf, weder Tod noch Teufel, nur Langsamkeit zu fürchten. Als schärfster Konkurrent galt Mercedes. Und der Zweikampf zwischen den SS-Kompressoren und dem von Tim Birkin entwickelten Blower ist die Grundlage für Johns Vorgartenfahrt: Am 21. Juni 1930 kämpften Tim Birkin und die deutsche Auto-Legende Rudolf Caracciola auf der Mulsanne-Geraden um mehr als nur den Rennsieg: Zwei Kilometer lang rasten sie mit 200 km/h nebeneinander her. Und weil Caracciola nicht glauben wollte, dass ein Bentley so schnell sein kann, blieb er konsequent auf der Straßenmitte. Birkin nahm das nicht weiter übel, er fuhr mit zwei Rädern über die Grasnarbe und zog vor der nächsten Kurve vorbei. Zwar hatte er den Spitzenplatz nur Sekunden, denn kurze Zeit später flog ihm sein Hinterreifen um die Ohren, aber im Rennsport genügen kleine Dinge für große Rivalitäten. Und dass die Bentley Boys auch bei diesem Rennen am Ende siegten, vergrößerte ihre Reputation als verwegene Draufgänger und die Erbfeindschaft zwischen Bentley und Mercedes.

„Die Öffentlichkeit stellt sich vor, die Bentley Boys würden mit mehreren Geliebten und natürlich mehreren sehr schnellen Bentleys in luxuriösen Apartments in Mayfair leben, in Nachtclubs Champagner trinken, an der Börse und beim Pferderennen hohe Summen aufs Spiel setzen, und am Wochenende wie die Verrückten die Rennstrecken umrunden. Für einige der Boys war das sogar ein ziemlich treffendes Bild,“ erklärte W.O. Bentley einst den Mythos. Die heutigen Bentley Boys rasen mit ihren Vorkriegsmodellen noch immer von Rennstrecke zu Rennstrecke und wenn es keine offiziellen Rennen gibt, dann machen sie sich selbst welche: Irgendwo in abgelegenen Gebieten der Alpen, in Neuseeland oder in Südafrika – dort wo man noch Straßenrennen fahren kann, ohne gleich den Führerschein zu verlieren.

Sie sind keine bezahlten Werksfahrer oder snobistischen Gentlemen-Driver mit ererbtem Geld, sondern haben jede Schraube selbst erarbeitet. Sie sind Swimming-Pool-Bauer, Luftlinienbesitzer oder haben ihr Vermögen mit Teppichen von der Rolle gemacht. Sie sind knapp fünfzehn Jahre jünger als ihre Autos und wenn man sie fahren sieht, hat man das Gefühl, es sei ihnen egal, ob sie noch sehr viel älter werden. Sie kennen jedes Geräusch ihres Autos und würden es abends gerne mit aufs Zimmer nehmen. Doch zuvor trinken sie noch auf „double U, O“. Wenn sie das ausgiebig genug getan haben, fahren sie die Bentleys auch schon mal in den ballroom des Ritz und starten um Punkt 24 Uhr die Motoren zu seinen Ehren. „Es war etwas neblig und ein wenig laut – einfach wunderbar“, erklären sie anschließend.

Mit den neuen Bentley Boys, die 71 Jahre nach dem letzten Le Mans Sieg jetzt wieder offiziell zum 24-Stunden Rennen an den Start gehen, haben sie nur die Liebe zur Marke gemein. Die neuen Werksfahrer Andy Wallace, Eric van de Poele, Butch Leitzinger, Martin Brundle, Stéphane Ortelli und Guy Smith sind sicher genauso wagemutig wie die Legenden der ersten Stunde, doch für Trinkgelage und exzessives Privatleben sollen sie nicht berühmt werden. Dafür ist ihre Stellenbeschreibung eine andere: „ Zweifellos ist Le Mans integraler Bestandteil der Bentley-Geschichte. Aber es geht um mehr. Unsere künftigen Serienwagen werden direkt von den Erfahrungen profitieren, die wir im Rennsport sammeln,“ erklärt der Chief Executive von Bentley Motors, Tony Gott, das neue Engagement in Le Mans.

Frei von dieser Verantwortung können die Bentley Boys mit den Vorkriegmodellen das wahre Image leben. Sie fahren mit ihren Renn-Traktoren mit Geschwindigkeiten bis zu 220 km/h über die Circuits von Silverstone bis Imola, weichen keinem halsbrecherischen Zweikampf aus und als Michael Schuhmacher neulich zu John sagte, dass er das Sicherheitsrisiko so ohne Gurt und Überrollbügel doch etwas hoch findet, hat der wieder nur gelächelt und erwidert: „Wieso, wir tragen doch jetzt Helme.“

Auf einem circuit kann man sich nicht ernsthaft verletzen ist die einhellige Meinung. Als einer der Boys bei einem Rundenrekord ein Rad verlor und mit Rippenbrüchen und inneren Verletzungen ins Krankenhaus musste, hieß es nur: „Er hat sich weh getan.“ Tatsächlich war er beim übernächsten Rennen wieder dabei.

Dass ihre Bentleys auch mal mehr als eine Million Mark wert sind, interessiert sie nicht. Für einen Bentley Boy ist sein Auto das Mittel, um Spaß zu haben - Hinstellen und Anschauen ist langweilig, Material schonen feige. Mit ihrer Fahrweise geben sie dem Wort Risikokapital eine neue Bedeutung: Um bei der Mille Miglia die Mercedes hinter ihnen zu blocken, fahren sie dann auch schon mal so dicht nebeneinander, dass sich die Kotflügel berühren und die Stoßstangen verkeilen. Blech kann man ersetzten, Spaß nicht.

Ein gewisser Wohlstand ist allerdings sehr hilfreich für einen wahren Bentley Boy: Die Strafen für zu schnelles Fahren werden immer kostspieliger, kein Ersatzteil gibt es serienmäßig und der eigene Mechaniker kennt die kleinen Macken des Autos einfach besser. Das wichtigste Werkzeug ist noch immer das Scheckbuch. Es wird allerdings nur hinter vorgehaltener Hand gezückt. Denn understatement ist die wichtigste Eigenschaft eines wahren Bentley Boys: „Ich schreibe eine Geschichte über die Bentley Boys,“ sage ich zu John, mit dem ich ungefähr ein Dutzend Rallyes gefahren bin. „Ach,“ erwidert er: „ Kennst Du einen?“

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