"Na dann", sagt John May, und ich rechne schon fast mit einem Satz wie: "Ziehen Sie den Choke, drehen Sie den Zündschlüssel um, und passen Sie beim Schalten auf, alter Junge." Tja, schön wäre es gewesen... "Hier reguliert man die Ölzufuhr für den Kompressor und hier für den Motor - achten Sie darauf, dass es nur tropft und nicht fließt, okay? Schalten Sie die Zündung ein, regulieren Sie das Kygas, starten Sie den Retarder, ziehen Sie den Handgashebel und lassen Sie das Mädchen an. Alles klar?" Äh, eigentlich nicht ganz...
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"Vergessen Sie das Querruder nicht, stellen Sie die Landeklappen hoch, und bitten Sie den Tower um Starterlaubnis", fährt John fort. Okay, den letzten Satz hat er eigentlich nicht gesagt - es hätte mich allerdings auch nicht mehr gewundert. Ich glaube, ich hätte eher eine Spitfire in die Luft gebracht als diesen Blower-Bentley auch nur um die nächste Kurve - allein, ihn in Gang zu setzen... Ein Blower-Bentley sieht nur auf den ersten Blick wie jeder andere Oldtimer aus. Dieser Eindruck schwindet jedoch schnell, betrachtet man die schier endlos scheinende Reihe von Knöpfen, seltsam verfremdeten Lichtschaltern, Griffen, Hebeln und was auch immer sich sonst noch auf der Instrumententafel aus poliertem Aluminium befindet - wobei das Aluminium nur an den wenigen Stellen zu sehen ist, für die Bentley keine weiteren Knöpfe, Schalter oder Instrumente mehr einfielen.
Es ist geradezu beängstigend: Ich kann den Tacho und den Drehzahlmesser ausmachen, und direkt vor mir glaube ich einen Öldruckmesser zu sehen, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, wozu man den Rest braucht. Bestes Beispiel hierfür sind die beiden Glasbehälter auf der Beifahrerseite. In ihnen sieht man Öl tropfen, wie in einer Miniaturausgabe einer Tankstelle der 60er Jahre. Anscheinend braucht die Mechanik mit steigender Drehzahl, wenn der Kompressor in Gang kommt, eine stärkere Schmierung. Der Fahrer bzw. der in früheren Zeiten stets mitfahrende Mechaniker stellt die Ölzufuhr je nach Bedarf ein. Der Motor konnte damals diese Aufgabe noch nicht selbst übernehmen. Und heute? Natürlich auch nicht...
Schließlich haben John und ich es doch noch geschafft. Ich bin für das Lenkrad, die Pedale und den Ganghebel verantwortlich (letzterer befindet sich zur Abwechslung auf der rechten Seite). Den Rest übernimmt John, der die Hebel, Schalter und was sonst noch so da ist bedient und dabei die Eleganz und Präzision eines Marineoffiziers an den Tag legt, der live im Fernsehen einen Marschflugkörper abfeuert. Und los geht`s!
Mein Gott, ist das Ding groß! In Johns Auffahrt sah es gar nicht so schlimm aus, aber jetzt, wo wir auf den schmalen Landstraßen unterwegs sind, wird mir klar, weshalb Ettore Bugatti die Bentley-Rennwagen die "schnellsten Lastwagen der Welt" nannte. Es wird erzählt, dass Walter Owen Bentley diesen Ausspruch als Kompliment auffasste und nicht, wie zweifellos beabsichtigt, als Beleidigung. W.O, wie er genannt wurde, hatte seine technische Laufbahn mit dem Bau von Lokomotiven begonnen - wem eines seiner Fahrzeuge entgegenkommt, dem wird klar, dass er damit nie wirklich aufgehört hat.
Es bleibt dennoch eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Blower zum bekanntesten Vorkriegs-Bentley wurde. Die Bentleys mit Kompressormotor sind von einer magischen Aura umgeben. Schon allein das Wort 'Supercharger' hat einen besonderen Klang. Heute stehen die Blower-Bentleys für Renn-Oldtimer wie die Spitfire für den englischen Luftkrieg. Und das, obwohl die Blower-Bentleys nie auch nur ein einziges Rennen gewonnen haben. Andererseits sagt man ja auch, dass die Hurricane das bessere Flugzeug war, mit dem mehr Bomben abgeworfen wurden - also was soll`s?
W.O war der Blower immer ein Greuel, und er hegte eine starke Abneigung gegen den Rennfahrer Sir Henry Birkin, der die Idee dazu aufgebracht hatte. Tim Birkin, wie man ihn nannte, gehörte zu den Bentley Boys, ein wohlhabender Kreis passionierter Rennfahrer, die zu den besten Kunden von W.O zählten. Birkin war ein ehemaliges Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg. Er war recht klein, ziemlich schüchtern und stotterte. Nachdem seine Zeit als Pilot beendet war, wurde der Rennsport zu seiner neuen Leidenschaft, wobei er sich durch seine Siege in Le Mans rasch einen Ruf als mutiger Fahrer erwarb.
Birkin hatte jedoch mit der zunehmenden Konkurrenz durch Mercedes-Benz, dem alten Erzfeind aus Kriegstagen, zu kämpfen. Denn Mercedes hatte einen besonderen Trumpf im Ärmel: den Kompressor. So kam Birkin die Idee zu einem Bentley mit Kompressormotor, aber W.O wollte nichts davon hören. Seine Philosophie war so einfach wie starrköpfig: Will man mehr Leistung, baut man einen größeren Motor.
Doch W.O Bentley glitt sein eigenes Unternehmen zunehmend aus den Händen. Woolf Barnato, ein weiterer Bentley Boy und Freizeit-Rennfahrer, war zur Haupteinnahmequelle für Bentley Motors geworden, als die Weltwirtschaftskrise auf ihrem Höhepunkt stand und im Verkauf von Luxusautos, um es milde auszudrücken, eine Flaute herrschte. Und so war es Barnato, der grünes Licht für Birkins Kompressor-Projekt gab.
Barnato und Birkin gewannen 1929 mit einem Speed Six in Le Mans. Obwohl Barnato der Alleinerbe der Diamantminen in Kimberley war, mangelte es ihm keineswegs an Geschäftssinn. Barnato und Bentley übernahmen die Fertigung der 50 Fahrzeuge für die neue Rennsport-Linie, aber Birkin musste deren Entwicklung selbst finanzieren.
Der Blower-Bentley wurde als 4 1/2-Liter-Modell konzipiert, was etwas rätselhaft erscheinen mag. Bentley hatte bereits das 3-Liter-Modell, mit dem auf verschiedenen Rennstrecken ein Preis nach dem anderen gewonnen wurde. Außerdem gab es das 6 1/2-Liter-Modell, das auf höhere Leistung ausgelegt war. Wozu also die Investition in ein neues Fahrzeug, das hinsichtlich seiner Leistung genau zwischen den beiden erfolgreichen Modellen plaziert wäre?
Am einleuchtendsten scheint die Erklärung, dass das 3-Liter-Modell, was das Tuning anging, bereits an seine Grenzen gestoßen war, während das 6 1/2-Liter-Modell aufgrund von Reifenproblemen seiner Rolle als Bentleys Vorzeigerennwagen nicht mehr gerecht wurde. Jedenfalls wurde die 4 1/2-Liter-Version eingeführt und 1927, an der Seite von zwei 3-Liter-Fahrzeugen, erstmals als Prototyp in Le Mans präsentiert.
Der 4 1/2-Liter-Wagen lag recht gut im Rennen und wurde nach einigen Stunden bereits als Favorit auf den Sieg gehandelt, bis er dann im berühmten White House-Crash schwer beschädigt wurde. Dennoch hatte das 4 1/2-Liter-Modell die bei Bentley gehegten Erwartungen mehr als erfüllt. Es ging Ende 1927 in Serienfertigung, die ersten Fahrzeuge wurden noch in jenem Jahr ausgeliefert.
Das neue Modell wurde in Partien zu je 25 Fahrzeugen hergestellt, wobei zu Beginn jeder Serie kleine Veränderungen vorgenommen wurden. So änderte man beispielsweise das Aussehen des Kühlers und baute verbesserte Kurbelwellen ein, da der Aufbau des 4 1/2-Liter-Modells ziemlich schwer war. Wenn man am Steuer dieses Wagens sitzt, kann man kaum glauben, dass sich unter der endlosen Motorhaube nur vier Zylinder befinden. Man hält das riesige, umschnürte Lenkrad fest und gibt Gas - statt vier Zylindern glaubt man, acht oder zwölf arbeiten zu hören. Und wenn sich der Blower erst einmal in Bewegung setzt, bekommt das Ding eine unglaubliche Power. Der Motor gibt ein tiefes, volles Brüllen von sich, während sich der Kompressor mit einem hohen Pfeifen bemerkbar macht.
Der Kompressor wurde vom Technikgenie Charles Amherst Villiers konstruiert. Der 4398 ccm-Motor war recht modern konzipiert, mit zwei Doppel-SU-Vergasern sowie einer Doppelzündung mit separaten Bosch-Magnetzündern. Durch das Hub/Bohrungs-Verhältnis von 100 x 140 mm hatte der Motor ein enormes Bewegungsmoment bei hoher Trägheit, da die Drehzahl auf 4000 U/min beschränkt war. Die Zusammenarbeit mit W.O gestaltete sich jedoch, wie auch Amherst Villiers erfahren sollte, als nahezu unmöglich.
Zunächst einmal war W.O dagegen, den Kompressor im Motorraum unterzubringen, weshalb dieser schließlich vor dem Kühler eingebaut wurde. Amherst Villiers verwendete einen Roots-Verdichter, wobei er ursprünglich auch Ausgleichsgewichte an der Kurbelwelle sowie andere Kolben und eine Trockensumpfschmierung gefordert hatte. Natürlich war W.O gegen all diese Vorschläge, und so wurde der Kompressor einfach in einen herkömmlichen 4 1/2-Liter-Motor eingebaut. Der Druck lag zwischen 0,70 und 0,77 bar bei maximaler Drehzahl.
Dennoch wurden Veränderungen am Zylinderblock, an der Kurbelwelle, den Kolben, den Kolbenbolzen sowie an der Ölpumpe vorgenommen. Durch diese Umbauten stieg die Leistung auf 175 BHP, ca. 45 BHP mehr als beim ursprünglichen Motor, wodurch nun eine Spitzengeschwindigkeit von über 200 km/h erreicht wurde.
Im Rennbetrieb stellte sich jedoch schnell heraus, dass diese zusätzliche Leistung auf Kosten der Zuverlässigkeit ging. Häufig waren es Probleme mit der Schmierung und der Kühlung, die den Blower-Bentley lahmlegten. Es wurde schon zu einem gewohnten Bild, einen Bentley mit Motorschaden abgeschleppt zu sehen, nachdem er einige Runden in Rekordzeit hingelegt hatte. Wir werden nie erfahren, wie der Motor gelaufen wäre, hätte sich W.O an die ursprüngliche Konzeption von Amherst Villiers gehalten, doch es steht zu vermuten, dass dem Blower einige seiner Kinderkrankheiten erspart geblieben wären.
Am Ende fiel auch Bentley Motors der Rezession zum Opfer, und das Unternehmen wurde an Rolls-Royce verkauft. Vom 4 1/2-Liter-Modell sind ca. 655 Fahrzeuge gebaut worden, einschließlich der sechs Autos, die Rolls-Royce nach Übernahme der Fertigungsanlagen noch aus Ersatzteilen zusammenbaute. Insgesamt wurden nur 55 Blower-Bentleys gebaut, einschließlich der für den Rennsport gebauten Vorproduktions-Modelle, allerdings sind viele der 4 1/2-Liter-Fahrzeuge noch zu einem späteren Zeitpunkt umgebaut worden.
Der Blower-Bentley ist und bleibt ein Mysterium. Ein großartiges Auto, das jedoch nie sein ganzes Potential erreichte. Eine Fahrt mit dem Blower ist wie eine Zeitreise in eine Vergangenheit, in der Rennautos noch riesige Monster waren, weit entfernt von den Fahrzeugen, wie wir sie heute kennen. Schauen Sie mich an: Über Jahre bin ich mit den verschiedensten Autos gefahren, aber dieses Gefährt habe ich noch nicht einmal in Gang setzen können...