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Magazin

Das sind die echten Helden des Genfer Autosalons 2018

Am Genfer Salon kann man sicher sein, weitaus mehr automobile Exoten zu entdecken als zunächst erwartet. Denn hier haben auch viele „kleine“ Hersteller ihre Bühne. Wir besuchten die Messe am ersten Pressetag, um die Spreu vom Weizen zu trennen – und das sind unsere Favoriten...

Stratosphärisch 

Es birgt immer ein gewisses Risiko, ein klassisches Design mit einem modernen Dreh neu zu interpretieren. Vor allem dann, wenn man die Neuschöpfung direkt neben dem als Stilvorlage dienenden Original auf dem Messestand präsentiert. Doch stellten wir mit Begeisterung fest, dass der „New Stratos“ von Manufacturer Automobili Torino (MAT) den Vergleich mit einem wunderbaren Lancia Stratos (in Schwarz) absolut besteht. Wir fragten uns zunächst, ob der verlängerte Radstand – jener des Ferrari 430 Scuderia, der hier die Bodengruppe liefert – die Go-Kart-artigen Dimensionen des Stratos vielleicht doch sprengen würde. Doch lösten sich solche Bedenken schnell in Luft auf. Denn es gibt einfach zu viele clevere und auch ästhetisch überzeugende Details, die den zeitlosen und legendären Gandini-Entwurf durchschimmern lassen. 

Heavy Metal XJ

Jaguar zelebriert heuer 50 Jahre XJ – und zum Auftakt des Jubeljahres verpasste Jaguar Classic Works einem Serie III XJ6 Baujahr 1984 aus dem Besitz von Iron Maiden-Schlagzeuger Nicko McBrain eine Restomod-Überarbeitung. Das „Greatest Hits“-Modell verschlang über 3500 Arbeitsstunden und wartet mit zahlreichen Modifikationen auf: Neben Drahtspeichenrädern zum Beispiel mit von Gitarrenverstärkern inspirierten Drehköpfen am Armaturenbrett, Pedalen wie bei einem Schlagzeug, einer Lackierung in einem tiefen Violett-Ton, einer roten Lederausstattung, einer 1100 Watt-Stereoanlage, einem 4,2-Liter-Motor mit E-type-Vergasern und vielem mehr. 

Puristisch oder langstreckentauglich

Werden all jene, welche die „Première Edition“ der neuen Alpine vorbestellt haben, ihre A110 jemals in Empfang nehmen können? Ungeachtet der aktuell unsicheren Lage nach dem Brand eines Modells bei Fotofahrten in den Seealpen zeigte die Renault-Tochter aus Dieppe unverdrossen zwei neue Versionen des Porsche Cayman-Gegners: „Pure“ und „Légende“. Wie schon der Name verheißt, ist das erste Modell eine auf 1.080 Kilo abgespeckte und betont fahrerorientierte Spielart – ja bitte! Wobei der „Légende“ uns dann doch noch stärker in den Bann zog. Denn sein Interieur ist auch für Langstrecken-Einsätze geeignet und so wohnlich eingerichtet, dass im Vergleich dazu das Cockpit des „Pure“ unfertig wirkt. Zugleich wecken Applikationen in Metallicblau Erinnerungen an die kleinen blauen Gordini der 60er-Jahre. 

Autonomer Phoenix aus archaischer Asche  

Zu den wohl größten Überraschungen unter allen Genf-Neuheiten zählt Aston Martins (erneute) Wiedergeburt der Marke Lagonda – und zwar als eine solche mit ausschließlich elektrisch angetriebenen Modellen. Als Verkörperung automobilen Luxus von morgen stellt auch die Genf Studie Lagonda Vision die im neuen Vantage eingeführte neue Designsprache von Aston überzeugend zur Schau. Und das Beste daran? David Linley, 2nd Earl Snowdon, britischer Möbeldesigner und Ex-Chef des Londoner Auktionshauses Christie’s, half bei der Gestaltung des modular aufgebauten Interieurs. In dem werden Materialien auf ungewöhnliche Weise miteinander kombiniert – wie Kohlefaser, Keramik-Kacheln und Kaschmirwolle. Da das Auto komplett autonom fahren kann, sind die Designersitze drehbar, sodass sich die Insassen gegenübersitzen können. Dieses mutige Designstatement dürfte bei Rolls-Royce die ein oder andere Alarmglocke klingeln lassen.

Wie Sie wollen...

„Ich bin froh, dass die Leute das Auto nun ‚in Fleisch und Blut’ erleben, denn es hat so viele subtile Elemente, die erst bei einer Live-Begegnung deutlich werden“, sagt Louis de Fabribeckers, Designchef von Touring Superleggera, über den sonderangefertigten Sciàdipersia (den wir schon letzte Woche exklusiv vorstellten). Und wie Recht er doch hat: Von den komplett überarbeiteten Türtafeln bis zu den diskreten aerodynamischen Details am unteren Rand des Frontstoßfängers ergibt sich ein Amalgam an Features, die den Sciàdipersia zu einem rundum geschlossenen Design erheben. Sollte ein Kunde den Wunsch äußern, die Exterieur-Elemente aus gebürstetem Aluminium gegen zum Beispiel schwarze Applikationen oder andere Materialien (wie Holz) zu tauschen, würde sich der ganze Charakter des Autos ändern, gibt Louis zu bedenken. Hoffen wir also, dass die zehn glücklichen Kunden ihren Phantasien freien Lauf lassen...

Die Königin von Genf  

Ist Instagram ein Maßstab, dann ist der Ruf SCR 2018 zweifellos die Königin von Genf 2018. Mit dem gewohnten Mix aus Retro-Ästhetik und zeitgemäßer Technologie bringt das Irischgrün lackierte Monster dank eines Chassis und einer Karosserie aus Kohlefaser nur 1.325 Kilo auf die Waage – 150 Kilo weniger als ein Porsche GT3. Dazu kommen leckere Details – wie fest installierte Sitze mit Hahnentritt-Muster, ein dezenter ausfahrbarer Heckspoiler und neue Felgen mit Zentralverschluss. 

Zurückblicken, um nach vorn zu schauen 

Konzeptstudie sind heute ein integraler Teil einer jeden größeren Automesse. Mit einer Schau klassischer Studien – vom Gros der Motorjournalisten jedoch eher links liegen gelassen – zeigten die Macher des Genfer Salons, wie sehr bereits in den 1960er-Jahren Konzeptstudien Trends von heute vorwegnahmen. Man nehme nur den Chevrolet Corvair Testudo von 1963, eines der ersten Giugiaro-Designs für Bertone. Oder den wilden Maserati Birdcage 75th von Pininfarina aus 2005, mit seinem Aufsatz im Stil einer Kampfjet-Kanzel und futuristischem Head-up-Display. Oder der 1967 hier in Genf erstmals gezeigte Lamborghini Marzal von Marcello Gandini – eine Studie, die mit ihrem großzügigen Innenraum und der fantastischen Rundumsicht Konstruktionsprinzipien verfolgte, wie sie 2018 in Fahrzeugen wie dem Lagonda Vision wiederauftauchen. 

Fotos: Mathieu Bonnevie für Classic Driver © 2018 

Sie finden unsere gesammelte Berichterstattung vom Genfer Salon 2018 hier